Marxismus-Leninismus

Wenn Ideologie an die Stelle von Analyse zur Legitimierung von Gewalt tritt

Von David

Die Ereignisse rund um den russischen Angriffskrieg im Februar 2022 gegen die Ukraine sowie der Angriff der Hamas und weiterer Gruppierungen am 7. Oktober 2023 auf Menschen in Israel verlangen nach Erklärungen. Menschen, wie auch der Autor selbst, suchen danach, wollen das Unbegreifliche verstehen und einordnen. Wer sich dazu innerhalb der Linken umschaut, wird feststellen, dass hier zum Teil bestimmte Erklärungsmuster vorherrschen. Diese werden oft mit dem Begriff „Antiimperialismus“ unterfüttert. Damit werden die Gewalttaten „eingeordnet“. Sie erscheinen dadurch als scheinbar einfach erklärbare Ereignisse. Aber was bedeutet dieser „Antiimperialismus“, der Gewalt legitimiert, so abscheulich sie auch sein mag?

Man muss nicht lange suchen, um auf die Grundlage der „antiimperialistischen“ Einordnung zu stoßen. Es ist der Marxismus-Leninismus, der bis in anarchistische Kreise hineinwirkt. Was aber ist dieser Marxismus-Leninismus, der dem „Antiimperialismus“ zugrunde liegt und ihn bestimmt? Ist es eine Mischung aus marxistischer und leninistischer Analyse? Wer heute ein Buch sucht, das den Marxismus-Leninismus in seiner Entstehung und Ausbuchstabierung zusammenfassend erklärt, wird in der deutschsprachigen Literatur, abgesehen von der DDR-Literatur, trotz ausreichender Forschung schwerlich fündig. Der folgende Text soll hier Abhilfe schaffen. Als Grundlage dienen historische und aktuelle Schriften sowie eine selbstaufgestellte Definition des Autors. Die Arbeit versucht dabei, die Elemente der vorangestellten Definition deduktiv, also vom Allgemeinen auf den konkreten historischen Fall schließend, in den entsprechenden Kapiteln mit einem der Geschichte folgenden Dreiklang an den Personen Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und Josef Stalin zu illustrieren.

Diese Deutungsmuster beruhen auf einer historisch gewachsenen Form des Antiimperialismus, die wesentlich vom Marxismus‑Leninismus geprägt ist und werden bis heute zur Rechtfertigung politischer Gewalt herangezogen.


1. Definition: Marxismus-Leninismus

Die vorliegende Definition soll im Folgenden nachgewiesen werden, indem untersucht wird, wie die von Josef Stalin geprägte manichäische Weltanschauung jede Form von Gewalt gegen das als ‚böse‘ Markierte legitimiert.

Zur Definition: Der Marxismus-Leninismus ist eine (Legitimations-)Ideologie, die sich dadurch auszeichnet, dass sie Lenins Imperialismusanalyse sowie dessen Entwurf zur nationalen und kolonialen Frage zu einem bis heute wirksamen Begriff des Antiimperialismus simplifiziert. Diese Simplifizierung verbindet sich mit autoritärem Herrschaftsanspruch und völkischem Nationalismus. In Kombination mit der Faschismusdefinition Georgi Dimitroffs und modernem Antisemitismus wird sie in antizionistischer Camouflage antiwestlich ausbuchstabiert und geht in einem manichäischen Weltbild auf.

Dieses wesentlich von Josef Stalin geprägte manichäische Weltbild ist heute eine allumfassende Weltanschauung bzw. Welterklärung und dient der Legitimation jeder Form von Gewalt gegen das als „böse“ Markierte.

Diese Definition muss nicht notwendigerweise mit der Selbstbeschreibung von Organisationen oder Parteien übereinstimmen; sie bezieht sich vielmehr auf die ideologische Setzung Stalins und deren Charakter, der aber nicht als historisch abgeschlossen gelten kann, sondern in politischen wie theoretischen Konstellationen fortwirkt.

Das Ziel dieses Essays besteht darin, die politische Ideengeschichte des Marxismus-Leninismus sowie dessen Bestandteile und die praktische Ausprägung der marxistisch-leninistischen Theorie bei Stalin aufzuzeigen und somit die bis heute wirkende Tradierung darzustellen. Dabei werden zunächst die ökonomiekritischen Grundlagen bei Marx, anschließend Lenins Imperialismus‑ und Kolonialtheorie sowie der Bruch zwischen Marx und Lenin skizziert, bevor Stalins Grundlagen des Leninismus und deren ideologische Zuspitzung behandelt werden. Darauf folgen die Auseinandersetzungen mit Sozialfaschismus‑ und Dimitroff‑These, den antisemitischen und antizionistischen Traditionslinien sowie schließlich der antiwestlichen manichäischen Weltsicht.

Da Karl Marx als einer der vermeintlichen Namensgeber des Marxismus-Leninismus fungiert, ist es notwendig, zu Beginn eine knappe Einordnung seines entscheidenden Werkes vorzunehmen.


2. Karl Marx und die Kritik der politischen Ökonomie (1867)

Marx analysiert im Kapital den Produktionsprozess des Kapitals, um die herrschende politische Ökonomie zu kritisieren. Die aus dieser Analyse resultierende Kritik ist wohl die radikalste am Kapitalismus und seinen Bedingungen.Der Kapitalismus ist nach Marx eine gesellschaftsbildende Wirtschaft, in der alles Ware ist. Er beruht auf der Verwertung (Ausbeutung) der menschlichen Arbeitskraft im Sinne einer durch Konkurrenz und Wachstumszwang getriebenen Profitmaximierung durch Mehrwert (Geld -> Ware -> mehr Geld / Akkumulation). Dies basiert auf den Eigentumsverhältnissen an den Produktionsmitteln, die (in der Regel) durch zwei Klassen bestimmt werden, die Klasse der Lohnabhängigen sowie die Klasse der Besitzenden, ergo die „Arbeiter:innenklasse“ und die „Klasse der Kapitalist:innen“.[1]

Daraus ergibt sich u.a., dass zwischen Kapital und Arbeit ein unauflösbarer Interessenwiderspruch in Form des Profitinteresses des Kapitals und des Lohninteresses der Lohnabhängigen besteht. Die Aufhebung dieses Widerspruchs ist das Ziel des revolutionären Klassenkampfes.

Ein simplifizierender Dualismus zwischen Kapitalist:innen und Lohnabhängigen abzuleiten, lag Marx allerdings fern. Marx schreibt 1867 im Vorwort zur ersten Auflage von „Das Kapital 1“ XX, er wolle die Kapitalist:innen „keineswegs in rosigem Licht“[2] zeichnen, sondern es sei wesentlich, sie als „Personifikation ökonomischer Kategorien“ zu begreifen, die aus einem Klasseninteresse heraus handeln. Kapitalist:innen dienen ihm als Analysekategorie und nicht als vereinfachtes Feindbild.

Das Wesen der Marxschen Kritik liegt in der Kritik des Produktionsprozesses des Kapitals.


3. Wladimir Lenin und der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1916)

Im Folgenden soll der Kern einer der wichtigsten Schriften Wladimir Iljitsch Lenins, die für die Konstituierung des Marxismus-Leninismus und dessen Begriff vom Antiimperialismus von grundlegender Bedeutung war, kurz dargestellt werden. Dazu dienen neben der Namensgebung des Marxismus-Leninismus die Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” (1916) sowie Lenins Thesen zur nationalen und kolonialen Frage (1920). Letztere werden im folgenden Kapitel behandelt.

Der Imperialismus ist nach Lenin das „höchste Stadium des Kapitalismus“.[3] Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Analysen von Marx keine Gültigkeit mehr haben. In diesem Stadium, dieser Epoche des Kapitalismus, fasst Lenin die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital als Wendepunkt zusammen.[4] Das Finanzkapital in seiner Form als Monopolkapital[5] wird von Lenin, anders als von Marx und seiner Klassenanalyse, als herrschend bezeichnet.[6] Diese Monopolkapitale wiederum teilen die Welt außerhalb der imperialistischen Zentren auf, und zwar sowohl unter sich als auch in Kolonien; Lenin spricht von der „ökonomischen Aufteilung der Welt, […] der territorialen Aufteilung der Welt, des Kampfes um die Kolonien“. [7]

Lenin zeichnet folglich ein dualistisches Weltbild, indem er die Welt in imperialistische Mächte und ausgebeutete Kolonien unterteilt.

(Vgl. ergänzend eine heute gültige ökonomische Imperialismusdefinition des Autors in Fußnote[8]).

3.1. Wladimir Iljitsch Lenin und die Thesen zur nationalen und kolonialen Frage (1920)

Die leninistische Definition des Imperialismus ist die Grundlage seiner Antwort auf die nationale und koloniale Frage. Darin bezieht er sich zunächst auf den marxistischen Klassenkampf mit der Losung der Aufhebung der Klassen. Diesen Klassenkampfgedanken ergänzt er ganz im Sinne der ebenfalls 1920 von der Komintern[9] formulierten Ergänzung des berühmten Aufrufs aus dem Manifest der Kommunistischen Partei, so dass es nicht mehr heißt: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, sondern „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“. [10]

Lenins Zusatz kommt darin zum Ausdruck, dass er einen „Klassenkampf“ der „Weltbourgeoisie“ bzw. des „Weltimperialismus“ gegen die russische Sowjetrepublik zeichnet. Auf der Seite der Sowjetrepublik sieht er die „fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder“ sowie „alle nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völker“[11]. Der Klassenkampf des in der kapitalistischen Produktion begründeten Widerspruchs zwischen Kapital (Bourgeoisie) und Arbeit (Proletariat) wird von ihm im Zuge seiner Antwort nicht nur ergänzt, sondern wird gänzlich auf die Ebene der Weltpolitik gehoben. In diesem Sinne fordert er ein „Bündnis aller nationalen und kolonialen Befreiungsbewegungen mit Sowjetrußland“.[12]

Nicht alle als „Unterdrückte“ markierten schließt Lenin ein; darauf sei hier ausdrücklich hingewiesen: Er sieht ein Bündnis mit der „bürgerlich-demokratischen Bewegung“ und weiß, dass „reaktionäre und mittelalterliche Elemente“ wie der „Panislamismus“ bekämpft werden müssen, um ein Erstarken etwa der „Mullahs“ zu verhindern.[13]

3.2. Der Bruch zwischen Marx und Lenin

An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass die unter Punkt 4 genannte „Ergänzung“ der Komintern und die theoretischen Ausarbeitungen Lenins zum Imperialismus und zur „nationalen und kolonialen Frage“ eben nicht als Ergänzung, sondern als Bruch mit der Marxschen Kritik zu verstehen sind. Die Verlagerung des Fokus von einer radikalen Kritik der politischen Ökonomie sowie der gesellschaftlichen Verhältnisse auf deren vermeintliche oder tatsächliche imperialistischen bzw. kolonialistischen Symptome stellt eine Simplifizierung des Bestehenden und keine Ergänzung dar.

Peter Bierl schreibt hierzu in seinem Buch „Die Revolution ist großartig“: „Was Lenin als Update von Marx präsentierte, war eine Beerdigung erster Klasse, denn er erklärte Produktion und Realisierung von Mehrwert zur Nebensache gegenüber den Machenschaften irgendwelcher Finanzjongleure.“[14]

Diese Theorie, die sich durchgesetzt hat, ist die Grundlage des bis heute wirksamen „Antiimperialismus“, aber nicht seine endgültige manichäische Ausbuchstabierung.


4. Joseph Stalin und die Grundlagen des Leninismus (1924)

Ausgehend von Lenins dualistischem Weltbild formulierte Stalin 1924 nach Lenins Tod als erster überhaupt „die Grundlagen des Leninismus“. Der Begriff Leninismus wurde originär erst von Stalin geprägt und formuliert. Er verstand den Leninismus als Weiterentwicklung des Marxismus. [15]

Die Partei des Leninismus müsse sich die marxistisch-leninistische Theorie zu eigen machen, sonst könne sie ihre Rolle als Organisator und Führer der proletarischen Revolution nicht erfüllen.[16]

So geschrieben in dem Buch „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“, das 1938 vom ZK der KPdSU (B) gebilligt wurde. Dort wird der Marxismus-Leninismus in der Einleitung als Weiterentwicklung der Lehre von Marx und Engels, als revolutionäre Lehre in der „Epoche des Imperialismus“ bezeichnet, deckungsgleich mit dem im vorhergehenden Kapitel bei Lenin dargestellten. Der Leninismus kann hier als eine (avantgardistische) Parteiorganisation verstanden werden, die ihre theoretische Grundlage im Marxismus-Leninismus hat.[17]

Stalin bezeichnet die Periode (Lenin spricht von Epoche), in der Marx und Engels wirkten, als vorrevolutionär, die im Gegensatz zu Marx und Engels noch nicht die Notwendigkeit einer proletarischen Revolution beinhaltete, da der Imperialismus noch nicht entwickelt sei. Diese Annahme zeigt offensichtlich eine völlige Ignoranz gegenüber der radikalen marxistischen Kritik. Gleichzeitig wird hier die auch von Lenin beschriebene Behauptung deutlich, dass zu Marx’s Zeiten der Kapitalismus seinem Wesen nach produktiv und in der Epoche des Imperialismus seinem Wesen nach unproduktiv war. Etwas plastischer formuliert: Lenins Überlegung ist, dass es kein Wachstum im Imperialismus mehr gibt, da die Welt in nicht mehr wachsende Monopolkapitale aufgeteilt ist. Aufgrund dessen formuliert Lenin diese „Unproduktivität“ zur Notwendigkeit der Revolution. Stalin wiederum sah den Sieg der proletarischen Revolution jedoch bereits in der Sowjetunion verwirklicht.[18] Weiteres hierzu folgt im kommenden Kapitel.

Stalin formulierte Leitsätze zur Definierung des Leninismus, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: Der Imperialismus als „Herrschaft des Finanzkapitals“ im „brutal-parasitären Charakter des Monopolkapitalismus“, habe es sich nach Stalin zur Aufgabe gemacht, den ganzen Erdball finanziell zu versklaven und kolonial zu unterdrücken. Um dieser imperialistischen Versklavung und Unterdrückung entgegentreten zu können, bedürfte es der Führung der Sowjetunion, zusammen mit der Front der kolonialen Befreiungsbewegungen, einer gemeinsamen „revolutionär‑proletarischen Front“ (paraphrasiert nach Stalin; vgl. Fußnote 15: Kapitel VI – „Die nationale Frage“). Stalin übernimmt hier zwar die notwendigen Stichworte der leninistischen Imperialismusanalyse, klammert jedoch die von Lenin unter Punkt 4 definierten Unvereinbarkeit mit reaktionären Kräften aus. Mit dieser Simplifizierung entwirft Stalin ein manichäisches Weltbild, das jede differenzierte Betrachtung auflöst: Was übrig bleibt, sind einfache binäre Bilder von „Gut gegen Böse“.[19]  

Die marxistische Analyse, die die Welt als komplexen Gegenstand begreift, wird von Stalin so endgültig begraben. Diese von Stalin reduktionistische Vereinfachung der marxschen Theorie bestimmt auch heute noch das ideologische Weltbild des Antiimperialismus.

4.1. Der Marxismus-Leninismus als die materialisierte Legitimationsideologie Stalins (1927 – 1953)

Für Stalin diente der Marxismus-Leninismus als Legitimationsideologie seiner Terrorherrschaft (1927 bis zu seinem Tod 1953), die sich im Begriff des Stalinismus ideologisch verdichtete. [20]

Im Folgenden werden diesbezüglich exemplarisch einige wesentliche Aspekte des Marxismus-Leninismus bzw. Stalinismus anhand der stalinistischen Geschichte und Verbrechen näher bestimmt. [21]

4.1.1. Staatsauffassung und autoritärer Herrschaftsanspruch

Nach Paul Pop folgerte Marx aus der Analyse der Pariser Kommune in „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, dass die Revolution die Zerschlagung des modernen Staates und seine Ersetzung durch die „Selbstverwaltung der ProduzentInnen“ zum Ziel haben müsse. [22] Lenin hingegen betrachtete im Rahmen der Diktatur des Proletariats den Staat als notwendigen „Übergangsstaat“ vom Kapitalismus zum Kommunismus, um die „Ausbeuter“ niederzuhalten.[23] Das „Absterben des Staates“ sei die Folge dieses Übergangs, denn erst der „Kommunismus [macht] den Staat völlig überflüssig“[24], so Lenin.

Anfänglich teilte Stalin noch Lenins Auffassung von der Diktatur des Proletariats beim Übergang zum Kommunismus.[25] Im weiteren Verlauf verschob er seinen Fokus auf den Staat als permanentes Machtinstrument und betonte, dass diese Diktatur, also die von ihm proklamierte „Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie“, auf „Gewalt“ basieren würde. [26] Nach Lenins Tod 1924 stand Stalin als Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU (B) „im Zentrum der Auseinandersetzungen“ um die Macht in der SU, in denen er geschickt Gegner und Konkurrenten ausschaltete.[27]

Dieser Machtkampf war der Beginn einer beschleunigten Industrialisierung, die unter der Parole „Alles für die Sowjetunion, alles für den sozialistischen Aufbau“ [28] eine Zwangskollektivierung der Landwirtschaft durchsetzte. Ziel war es, die kommunistischen Zukunftsgesellschaft einzuleiten und die letzten kapitalistischen Elemente zu beseitigen, was 1932 eine furchtbare Hungersnot zur Folge hatte, bei der ca. 5 bis 9 Mill. Menschen verhungerten.

Es folgten Schauprozesse zur Ausschaltung der innerparteilichen Opposition, während die „Bindung an Partei und Staat“ unter „Klassenkampfparolen“ im Sinne von Repression und Mobilisierung erfolgte. Im Zuge der innerparteilichen Säuberungen sank die Zahl der Parteimitglieder zwischen 1933 und 1938 von 3,5 auf 1,9 Millionen.  Stalin etablierte einen Machtapparat, der stark auf seine Person zugeschnitten war und seine innerparteilichen Gegner bis hin zur „physischen Vernichtung“ ausschaltete.[29]

Nicht nur innerparteiliche Gegner wurden beseitigt, auch Arbeiter:innen, die dem arbeitsfetischistischen Dogma eines ununterbrochenen Wachstums nicht genügten.[30] Dabei wurde auf der einen Seite mit den Mitteln „propagandistischer Werbekampagnen“ an den „Einsatzwillen und die Opferbereitschaft“ der Arbeiter:innen appelliert, auf der anderen Seite „Disziplinarverordnungen“ verschärft eingeführt.[31]

Helmut Altrichter fasst die Konsequenzen wie folgt zusammen:

„Wer gegen sie verstieß, musste mit harten, ja drakonischen Strafen rechnen. In schweren Fällen konnten Fehler und Mängel als „Sabotage“ ausgelegt werden, und Arbeiter, die verspätet am Arbeitsplatz erschienen, weg blieben oder ihn vorzeitig verließen, galten als „Arbeitsdeserteure“ […] [was] strafrechtliche Folgen nach sich ziehen konnte […] ja Deportation und Einweisung in ein Zwangsarbeitslager [Gulag] standen drohend im Hintergrund.“[32]

Die KPdSU (B) beschreibt die Jahre 1930 bis 1934 als eine Zeit, in der die Partei die schwierigsten historischen Aufgaben zu bewältigen hätte. Dazu gehöre die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die „Liquidierung des Kulakentums“ (wohlhabende Bauern), sowie die schonungslose Abrechnung mit dem „Abschaum“, den „Feinden des Volkes und [den] Verrätern an der Heimat“, organisiert von der „kapitalistische[n] Umwelt“. [33] Die entmenschlichende Rhetorik der KPdSU(B) zeugt nicht nur von ideologischer Menschenfeindlichkeit, sondern verweist außerdem auf die Dimension einer systematisch legitimierten Bereitschaft zur kollektiven Vernichtung.

Die Gewalt, die sich ursprünglich gegen die Bourgeoisie richten sollte, dehnte sich zunehmend auf die gesamte Gesellschaft aus. Der stalinistische Staatsterror wurde zu einem zentralen Herrschaftsinstrument, das unter dem Vorwand der Überwindung des Kapitalismus ideologisch legitimiert und systematisch ausgebaut wurde. Gewalt als legitimiertes Mittel.

Der Staat dient nun nicht mehr, wie noch im Sinne Lenins, einem Übergang zum Kommunismus, da die Bourgeoisie im Inland bereits politisch und ökonomisch entmachtet worden sei; sie existiere nur noch extern und bedrohe als imperialistische Macht den „Sozialismus in einem Land“ (paraphrasiert nach Stalin; vgl. Fußnote 15: Kapitel VI – „Die nationale Frage“). 

So wurde der Marxismus-Leninismus unter Stalin zum ideologischen Fundament einer repressiven Staatsordnung, deren Gewalt sich nicht nur gegen tatsächliche Feinde, sondern gegen die gesamte Gesellschaft richtete – eine Herrschaft, die nicht der klassenlosen Zukunft diente, sondern der autoritären Machtsicherung und systematischen Unterdrückung.

4.1.2. „Sozialismus in einem Land“ und völkischer Nationalismus

Stalins großrussischer Nationalismus und sein Wunsch nach Wiederherstellung des Reiches in den Grenzen von 1914 sowie der „Schutz des Erreichten“, der auch durch die Forderung nach der Weltrevolution nicht gefährdet werden sollte, gehörten zu den Faktoren, die zum Pakt mit Hitler 1939 beitrugen.[34]

Dieser großrussische Nationalismus Stalins wurde innerhalb der SU bereits 1925 nach Lenins Tod von Leo Trotzki als reaktionär und utopisch kritisiert; Stalin hingegen sah in einer umfassenden Nationalisierung eine Voraussetzung für den Aufbau des Sozialismus. Die Konstruktion einer „sozialistischen Nation“ fungierte zugleich als positiver Bezugspunkt und markierte innere wie äußere Feinde: Nach innen diente die Verschmelzung von Klasse, Volk und Staat der ideologischen Mobilisierung und Repression — einem durch und durch völkischen Prinzip.[35] Der „innere Feind“ wurde somit außerhalb des völkisch konstruierten großrussischen Volkes verortet. In Stalins verherrlichender Rhetorik wurde das großrussische Volk zum „führenden Volk“ stilisiert.[36]

Stalins großrussischer Nationalismus transformierte somit den Sozialismus in ein völkisch aufgeladenes Herrschaftskonzept, das über die Konstruktion eines „führenden Volkes“ und imaginierter Feindbilder nach innen wie außen die ideologische Grundlage seiner autoritären Politik bildete.

Dabei wurde ein „Wir“ des werktätigen Volkes konstruiert, das vom Feind, einer „Verbindung alles Jüdischen mit dem Imperialismus“ abzugrenzen war. [37] In diesem Sinne lässt sich Theodor W. Adornos Aussage unmittelbar auf den stalinistischen völkischen Nationalismus beziehen:

„Überall dort, wo man eine bestimmte Art des militanten und exzessiven Nationalismus predigt, wird der Antisemitismus gleichsam automatisch mitgeliefert.“[38]

Dieser Antisemitismus wird in Kapitel 6 beleuchtet.


5. Sozialfaschismus und Dimitroff-These

Bevor wir uns, wie erwähnt, im nächsten Abschnitt mit dem Antisemitismus auseinandersetzen, gilt es zunächst, einen Blick auf die Sozialfaschismusthese und insbesondere auf Dimitroffs Definition zu werfen – denn beide bilden ein weiteres Puzzlestück in Stalins manichäischer Weltsicht und daher Beachtung im Kontext dieses Aufsatzes verdienen.

Die Sozialfaschismusthese wurde ab 1924 unter maßgeblicher Beteiligung von Grigori Sinowjew und Josef Stalin innerhalb der Kommunistischen Internationale entwickelt. Sie erklärte alles rechts der Kommunist:innen pauschal zu Faschismus – darunter auch die Sozialdemokratie, die als „Zwillingsbruder“ des Faschismus bezeichnet wurde. Stalin selbst formulierte, Sozialdemokratie und Faschismus seien „keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder“.[39] Diese Gleichsetzung führte dazu, dass die KPD in der Weimarer Republik eine Zusammenarbeit mit der SPD ablehnte – mit verheerenden Folgen für den antifaschistischen Widerstand.[40]

Erst 1935, zwei Jahre nach der Machtübernahme der NSDAP, wurde die Sozialfaschismusthese auf dem VII. Weltkongress der Komintern offiziell verworfen und durch die Volksfrontstrategie ersetzt. Georgi Dimitroff definierte dort – in kritischer Auseinandersetzung mit der bisherigen Linie – den Faschismus als die „offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Daraus ergibt sich eine ökonomistische Interpretation von Faschismus und Finanzkapital bzw. Imperialismus.[41]

Diese Perspektive blendet zentrale Merkmale des Faschismus aus, wie sie Umberto Eco mit den folgenden Analysekategorien beispielhaft benennt: die Reaktion gegen Rationalismus und Aufklärung, die Ablehnung der Moderne, das Prinzip der Aktion um der Aktion willen, das Misstrauen gegenüber der intellektuellen Welt, Kritikunfähigkeit, Angst vor Andersdenkenden, Rassismus, die Erfahrung kollektiver Frustration, Krise und Demütigung, Nationalismus, Verschwörungsglaube und Antisemitismus, die Konstruktion eines inneren und äußeren Feindes, die Ideologie des permanenten Kriegs, die Verachtung der Schwachen, der Kult des Todes und des Heldentods, die Abweichung von normativ gesetzter Sexualität, populistische Mobilisierung, autoritäre Herrschaftsformen und die Einschränkung kritischen Denkens.[42] Stalins Interpretation des Nationalsozialismus steht dagegen exemplarisch für die ökonomistische Verkürzung der Dimitroff-Definition, die den NS als „bloße Diktatur des Finanzkapitals“ [43] begreift.

Die SED griff Stalins Nationalismus und Dimitroffs Faschismusdefinition auf und brachte beides zusammengedacht auf den marxistisch-leninistischen Punkt: „Finanzkapital oder Nation – so steht die Frage.“ [44] Ob Sozialfaschismusthese oder Dimitroff-Formel – beide konstruieren ein manichäisches Weltbild. Das notwendige kritische Verhältnis zur Sozialfaschismusthese wird in der Dimitroff-Definition, ganz im marxistisch-leninistischen Sinne, nicht gänzlich aufgelöst, sondern in Stalins antiimperialistische Perspektive eingebettet.


6. Moderner Antisemitismus in antizionistischer Camouflage

Aufbauend auf Adornos Zitat in Kapitel 4.1.2. sowie der zuvor skizzierten stalinistischen Feindbildlogik wird im Folgenden dargestellt, wie ein „moderner Antisemitismus“ im Gewand des Antizionismus den Marxismus-Leninismus prägt.

Dieser Antisemitismus beruht auf einer Verschmelzung von ökonomistischer Welterklärung mit der Annahme einer allgegenwärtigen Verschwörung, die in der Personifizierung des „raffenden Kapitals“ auf jüdische Identität aufoktroyiert wird. Diese Darstellung erklärt eine bestehende Brutalität der kapitalistischen Ökonomie und stellt sie den vermeintlich harmonischen Gemeinschaften des „Volkes“ und/oder der „Nation“ gegenüber. Die Vorstellung von harmonischen Gemeinschaften, die es einmal gegeben haben soll, negiert die Klassenstruktur und projiziert notwendigerweise alle bestehenden Übel auf innere und äußere Feinde. Die Moderne hingegen verlangt von ihrer Kritik die Einbeziehung abstrakten Denkens, das hier zugunsten einer vereinfachten Welterklärung abgewehrt wird. [45]

Der Antisemitismus ist demnach ein Welterklärungsmuster[46], das gesellschaftliche Verhältnisse auf jüdische Identität projiziert. Antisemitismus wird mithilfe von Verschwörungsnarrativen tradiert, die das kontrollierende „Böse“ hinter den gesellschaftlichen Verhältnissen ausmachen. In sich wandelnden Formen zieht sich eine antisemitische Kontinuitätslinie über Jahrhunderte hinweg: vom christlichen Antijudaismus über den modernen Antisemitismus und den sekundären Schuldabwehr-Antisemitismus bis hin zum heute dominanten israelbezogenen Antisemitismus. Letzterer tarnt sich häufig als vermeintlich legitime Kritik, ersetzt dabei jedoch in der Begrifflichkeit Juden und Jüdinnen durch den Staat Israel. Samuel Salzborn bringt dies auf den Punkt: „Der israelbezogene Antisemitismus aktualisiert tradierte Feindbilder, indem er ihnen eine neue Form gibt, ohne ihren Gehalt zu verändern.“[47] In diesem ideologischen Konstrukt fungiert jüdische Identität nicht nur als Projektionsfläche, sondern als personifiziertes Feindbild, das zur Erklärung komplexer gesellschaftlicher Missstände herangezogen wird. Die falsch eingerichteten Verhältnisse und ihre Brutalitäten suchen nach Antworten, und der Antisemitismus bietet eine vermeintliche Antwort, die in der Vernichtung von Juden und Jüdinnen als personifiziertem Bösen die Erlösung zu finden glaubt.

Gerade im marxistisch-leninistischen Denken lässt sich diese antisemitische Struktur besonders deutlich nachvollziehen. Die ideologische Verbindung von ökonomistischer Welterklärung, verschwörungstheoretischer Personalisierung und nationalistischen Feindbildern zeigt sich hier in charakteristischer Weise. Antisemitismus findet sich in allen sozialen Schichten, Klassen und politischen Richtungen. In der Linken ist es bis heute[48] der Marxismus-Leninismus mit seinem manichäischen antiimperialistischen Weltbild von „Gut“ und „Böse“, seinem völkischen Nationalismus und dessen Folgen der Feindbildkonstruktion, seinem Arbeitsfetischismus, der eine personifizierte Analyse der kapitalistischen Verhältnisse in schaffendes (Lohnarbeit) und raffendes (Finanz-) Kapital konstruierte, und der anschließenden „entscheidenden Camouflage“[49], da man selbst natürlich kein Antisemit sei. Diese ideologische Camouflage konstruiert das jüdische Kollektiv vermeintlich politisch-ökonomisch argumentierend als nicht arbeitende zionistische Monopolkapitalisten. In der Folge wird der Zionismus als ökonomisch-machtpolitisches Prinzip begriffen, dessen Vertreter – die „Zionisten“ – zur Projektionsfläche für eine antisemitisch codierte Gesellschaftskritik. Daraus speist sich bis heute der marxistisch-leninistische „Antizionismus“, der als Erscheinungsform des modernen Antisemitismus kenntlich gemacht werden muss. [50] Wie Thomas Haury festhält: „Der spätstalinistische „Antizionismus“ ist unverkennbar eine Variante des „klassischen“ modernen Antisemitismus.“ [51]

Diese ideologischen Muster blieben nicht abstrakt – sie wurden in der Geschichtspolitik der SED konkret umgesetzt und dienten der systematischen Entlastung des deutschen Nationalismus und der Leugnung des Antisemitismus. Mit Hilfe der Faschismustheorie Georgi Dimitroffs gelang dem Zentralkomitee der SED das ideologische Kunststück, nicht den deutschen Nationalismus und Antisemitismus für Auschwitz und den Zweiten Weltkrieg verantwortlich zu machen, sondern stattdessen einen vermeintlichen Klassenkampf zwischen jüdischen und „arischen Monopolkapitalisten“ zu konstruieren, dessen Opfer letztlich das „schaffende deutsche Volk“ gewesen sei.[52]  Die dadurch vollzogene Entlastung der deutschen Arbeiter:innenklasse und des deutschen Nationalismus – verbunden mit einer systematischen Leugnung des Antisemitismus, also der ideologischen Abspaltung von Auschwitz – ermöglichte der SED einerseits die Verweigerung von Entschädigungszahlungen, andererseits aber vor allem einen affirmativen Bezug auf Nation und Volk, der die ideologische Grundlage für die werdende DDR bildete.[53]

6.1. Antisemitische Personifizierung bei Marx und Lenin?

Marx hat eine Kritik der kapitalistischen Gesellschaft formuliert, die nicht auf personifizierenden Zuschreibungen beruht – wie bereits eingangs erwähnt. Dennoch gibt es immer wieder Diskussion darüber, in wie weit die von Marx genutzten Bildern antisemitisch gefärbt seien. Thomas Haury stellt dahingehend fest, dass der frühe Marx 1843 in „Zur Judenfrage“ antijüdische Stereotype verwendet, etwa die Figur des Juden, der vor allem in der Zirkulationssphäre tätig ist. Laut Thomas Haury verwende dieser jenes Bild jedoch lediglich, um die bürgerliche Gesellschaft zu kritisieren. Marx sei jedoch weit davon entfernt, in klassisch antisemitischer Manier die Brutalitäten der kapitalistischen Realität auf das Jüdische zu projizieren.[54] Marx sehe gerade keinen geheimen Plan hinter den Verhältnissen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“[55]. Marx legt die inneren Widersprüche und die Brutalität des Kapitalismus offen, ohne sie verschwörungstheoretisch zu personalisieren oder auf jüdische Identität zu projizieren – und entgeht damit einer antisemitischen Welterklärung.

Während Marx eine strukturbezogene Kritik der kapitalistischen Verhältnisse formuliert, schlägt Lenin einen deutlich anderen Ton an: Er spitzte seine dualistisch geprägte Gesellschaftsanalyse dahingehend zu, dass diese eine Personifizierung ökonomischer Prozesse beinhaltet. So spricht er etwa von „Parasiten“ und „Schmarotzern“[56], von „dunklen und schmutzigen Geschäften“[57], von Menschen „deren Beruf der Müßiggang ist.“[58] Hervorzuheben ist jedoch, dass Lenin diese Zeilen wie Marx vor der Shoah schrieb – getragen von klassenkämpferischer Rhetorik, nicht von antisemitischen Motiven.

Diese Differenz wird besonders deutlich in einer Schallplattenrede aus dem Jahr 1919, in der sich Lenin unmissverständlich gegen die unter dem Zarismus verbreitete Judenfeindschaft wandte. Darin stellte er – wenn auch in personifizierender Sprache – klar, dass die Kapitalisten die Feinde der Werktätigen seien, nicht „die Juden“.[59] Die Wortwahl ist dabei keineswegs nebensächlich: Sie zeigt, dass Lenin zwar eine stark polarisierende Sprache nutzte, sich jedoch explizit gegen antisemitische Deutungen positionierte.

Die problematischen Personifizierungen sowohl bei Marx als auch bei Lenin formulieren nicht den Wesenskern ihrer analytischen Beiträge. Dies ist auch, was beide fundamental von Stalin unterscheidet.

6.2. Antisemitismus bei Stalin

Nach der Einordnung der personifizierenden Sprache bei Marx und Lenin, die sich nicht in antisemitische Welterklärungen auflösen lässt, zeigt sich im Folgenden, wie Stalins Verschwörungswahn den unter ihm herausgebildeten modernen Antisemitismus, der sich als Antizionismus tarnt, brutal abrundet. Neben den bereits herausgearbeiteten Momenten – völkischer Nationalismus, vollendete regressive „Kapitalismuskritik“ in Anlehnung an Lenins Wortwahl und die Camouflage des Antisemitismus als Antizionismus – steht Stalins Verschwörungswahn exemplarisch für diese antisemitische Struktur: Er imaginiert das „Böse“ im Hintergrund, legitimiert Gewalt und verknüpft sie mit dem Marxismus-Leninismus als Legitimationsideologie – wodurch sich letztlich die Rechtfertigung jedweder Gewalt Stalins summiert.

Ein Beispiel, das diesen antisemitischen Wahn wohl am deutlichsten zeigt, folgend auf die „Slánský-Prozesse“, derer „zentrale Anklagepunkt […] „Zionismus“ lautete, ist die sogenannte „Ärzteverschwörung“. Als Stalin 1953 an Hirnblutungen nach einem Schlaganfall starb, hatten einige der besten Ärzte der Sowjetunion keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Sie waren zuvor Opfer antisemitischer Säuberungen geworden, die Stalin selbst angeordnet hatte und die erst mit seinem Tod ein Ende fanden. Die vermeintliche Verschwörung war durchsetzt mit antisemitischen Narrativen – etwa von Juden als im Geheimen agierender „Feinde des Volkes“, jüdische „Mörderärzte“, die von einer „internationalen jüdischen […] Organisation“ gesteuert würden.

Die sowjetische Presse, so Thomas Haury weiter, habe eine „unverhüllt antisemitische Hasspropaganda“ gegen „wurzellose Kosmopoliten“, „Landesverräter“ und die als „Helfershelfer des Zionismus“ bezeichneten Ärzte entfesselt.[60]

Letztlich handelt es sich um ein modernes antisemitisches Narrativ. Dieses verbirgt sich hinter der Maske des Antizionismus. Stets werden „die Zionisten“ genannt. Dechiffriert gemeint sind jedoch „die Juden“.

6.3. Antizionismus

Um die ideologische Verschiebung vom offenen Antisemitismus hin zur scheinbar politischen Kritik am Zionismus nachvollziehen zu können, ist ein Blick auf die historischen Hauptströmungen des Antizionismus unerlässlich. Eine Interpretation oder Bewertung des Zionismus in seinen zahlreichen Facetten bleibt gesonderten Untersuchungen vorbehalten; dennoch soll hier eine kurze Definition des Zionismus vorangestellt werden, um im Anschluss einen Überblick über die zentralen (historischen) antizionistischen Positionen zu geben und schließlich thematisch den Bogen zum bekannten Dreiklang von Marx über Lenin zu Stalin zu spannen.

Zionismus bezeichnet eine im späten 19. Jahrhundert entstandene jüdische Bewegung, die als Reaktion auf modernen Antisemitismus – vor dem Hintergrund einer langen Geschichte des Antijudaismus und einer seit der Antike bestehenden jüdischen Diaspora – eine politisch gesicherte Heimstätte für Juden anstrebte.[61] Er entstand im Zeitalter europäischer Nationalstaaten, jedoch nicht aus romantischer Selbstüberhöhung oder staatsbürgerlicher Integration, sondern als Antwort auf Ausschluss, Verfolgung und strukturellen Antisemitismus.[62] Die Bewegung war weder ideologisch einheitlich noch territorial von Beginn an festgelegt; erst im Verlauf setzte sich das Gebiet Palästina als bevorzugter Ort durch, wobei frühe zionistische Strömungen und praktische Erwägungen die Entwicklung prägten.[63] Die Notwendigkeit eines sicheren Zufluchtsortes wurde spätestens während der Shoah offenkundig, als nahezu alle Staaten ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge schlossen.[64] In diesem Sinne bildet der Zionismus einen zentralen Baustein jüdischer Selbstsicherung, damit die im antifaschistischen „Nie wieder“ formulierte Forderung nach Schutz vor erneuter existenzieller Bedrohung eingelöst werden kann.

Betrachten wir nun den Antizionismus aus historischer Perspektive. Anders als der Zionismus, der historisch eine Minderheitsposition darstellte, wurde der Antizionismus lange Zeit von der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung weltweit getragen. Er lässt sich in drei Hauptströmungen unterteilen:

  • Assimilatorischer Antizionismus: Juden und Jüdinnen dieser Richtung lehnten die Idee eines jüdischen Staates ab, da sie sich als Teil der Gesellschaften verstanden, in denen sie lebten.
  • Religiöser Antizionismus: Diese bis heute bestehende Strömung beruft sich auf die Vorstellung, dass allein Gott – nicht der Mensch – das Recht habe, einen jüdischen Staat zu begründen.
  • Im weitesten Sinne sozialistische Antizionismus: Diese Position zielte auf die Überwindung des Antisemitismus durch die sozialistische Weltrevolution.[65]

Nach der Shoah und den Erfahrungen des Stalinismus wandelte sich das Verhältnis: Antizionistische Haltungen wurden zur Minderheitenposition.[66]

Marx selbst äußerte sich nicht explizit zum Zionismus; bekannt ist lediglich seine politische Zusammenarbeit mit Moses Hess, einem Frühsozialisten und späteren Vordenker des Zionismus.[67]

Lenins Antizionismus bezog sich – wie bei Marx auch vor der Shoah – auf die Feststellung, dass es bereits zu viele Staaten und zu viele Armeen auf der Welt gäbe und dass ein weiterer noch einer zu viel wäre. Jutta Ditfurth stellt dazu fest, dass Lenins Antizionismus nicht als antisemitisch bezeichnet werden kann.[68]

Wie gezeigt wurde, fand unter Stalin die endgültige „Verkleidung im Antizionismus“[69] eines marxistisch-leninistischen Antisemitismus statt, was zu der in der Definition verwendeten Formulierung eines modernen Antisemitismus in antizionistischer Camouflage führt.


7. Antiwestliche manichäische Weltsicht

Im Anschluss an die ideologiekritische Betrachtung des Antizionismus, der sich in marxistisch-leninistischen Kontexten als Tarnung antisemitischer Struktur zeigt, folgt nun ein weiteres zentrales Deutungsmuster: die antiwestliche, manichäische Weltsicht. Diese „antiimperialistische“ Interpretation des weltpolitischen Geschehens, die von Lenins Ausarbeitungen über den sie vereinfachenden Stalin bis heute weitgehend unreflektiert tradiert wird, findet sich – wie eingangs erwähnt – sogar in anarchistischen Kreisen wieder.

Das manichäische Weltbild, das in stalinistischer Manier für nahezu jeden globalen Konflikt eine vermeintlich eindeutige Erklärungsschablone von „Gut und Böse“[70] bereithält, kategorisiert Akteure ausschließlich nach ihrer Nähe zum imperialistischen Westen oder ihrer Rolle als kolonialisiertes unterdrücktes Volk. Der „Täter“, das „Böse“, wird im Westen verortet, während das „Opfer“, das „Gute“, in Gestalt der „Unterdrückten“ als zu unterstützende Opposition erscheint – oft unhinterfragt und pauschal. Dieses aus dem Marxismus-Leninismus stammende Deutungsmuster lässt jede noch so menschenverachtende Gewalt zu, sofern sie sich als antiimperialistisch inszeniert.

Ein besonders prominentes Beispiel ist der sogenannte Nahostkonflikt. Eine ausführliche Analyse dieses komplexen Themas ist hier nicht möglich. Ein lesenswerter Beitrag hierzu findet sich im Rahmen des kommunistischen Bildungsprojekts translib, das die Lage aus universalistischer Perspektive beleuchtet.[71]

Der Verfasser räumt dazu ein, dass er auch nach Jahren der Auseinandersetzung nicht den Anspruch erhebt, eine umfassende Kenntnis dieses Gegenstandes darlegen zu können. Dennoch muss eine manichäische Deutung – Léon Poliakov folgend und im Sinne der bisherigen Ausarbeitungen dieses Essays – als unzulässig gelten. In der Absicht, der Komplexität zu entkommen,[72] erfolgt durch Rückgriff auf die marxistisch-leninistische Folie ein vereinfachendes Narrativ, in dem Israel als kolonialer „Brückenkopf des amerikanischen Imperialismus“[73] imaginiert wird. Diese ideologische Übermalung ersetzt die notwendige Analyse und dient letztlich der Legitimation von Gewalt.

Ähnlich verhält es sich mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Auch hier wird mit Hilfe der marxistisch-leninistischen Schablone und unter ständiger Berufung auf die NATO als Chiffre für den „US-Imperialismus“ nicht analysiert, sondern ideologisiert.


8. Fazit

Es konnte gezeigt werden, dass der Marxismus-Leninismus keine „Mischung aus marxistischer und leninistischer Analyse“ darstellt, sondern im Wesentlichen eine auf Stalin zurückgehende Legitimationsideologie. Diese basiert auf einem manichäischen Weltbild, das brutale Herrschaft und heute vor allem Gewalt der vermeintlich oder tatsächlich Unterdrückten im Namen des „Antiimperialismus“ legitimiert. Hier tritt Ideologie an die Stelle von Analyse – zur Legitimierung von Gewalt.

Die obige Definition enthält die in dieser Arbeit nachgewiesenen Simplifizierungen Stalins – sowohl in Bezug auf die von Lenin herausgearbeitete Analyse des Imperialismus (im Zeitalter des Imperialismus und danach), als auch in Bezug auf die Verbündeten im Kampf gegen ihn. Stalins Ideologie schaltet jegliches kritische Denken aus, was bis heute Koalitionen mit ultranationalistischen Islamisten ermöglicht.[74] Er entwickelt einen Widerspruch in seinem Staatsverständnis wie aufgezeigt nicht nur mit Marx und Lenin, sondern auch mit Friedrich Engels Einordnung als „ideeller Gesamtkapitalist“. Letztlich endete diese Ideologie nicht als „Diktatur des Proletariats“ zur Überwindung des Kapitalismus, sondern als Diktatur Stalins.

Damit nicht genug, erklärt Stalin die Sowjetunion quasi zum „Proletarier unter den Staaten“. Mit „marxistischer Wirtschaftstheorie“[75] hat das nichts zu tun. In der Konstruktion eines klassennegierenden völkischen Nationalismus die Vokabel „Klassenkampf“ zu verwenden, ist Blasphemie – eine ideologische Beerdigung des „historischen Materialismus“. Zudem wird die Philosophie eines „dialektischen Materialismus“ von den Füßen auf den Kopf gestellt und in Ideologie aufgelöst. Der Faschismus ist – wie alles – die Schuld des „Finanzkapitals“. Ach, wie einfach kann das sein. Abgerundet wird dies durch noch mehr Menschenfeindlichkeit in Form des modernen Antisemitismus, der sich als Antizionismus tarnt. Übrig bleibt eine Schablone, die über jeden Konflikt dieser Welt gelegt werden kann und die einfache Erklärung frei Haus liefert. Was gibt es da zu analysieren? Das Böse steht im Westen – und nur dort, nirgendwo sonst. Welch unendliche Entleerung marxistischer Kritik. Marx wurde zu einem Personenkult ohne Inhalt degradiert.

Für den Autor als Anarchist ist es wichtig, dass Genoss:innen begreifen, dass der Vater vieler ihrer Einordnungen Stalin ist. Zu sehen, wie weltweit Anarchist:innen im hier aufgezeigten Sinne zum 7. Oktober Stellung bezogen haben, ist mit dem Begriff der Enttäuschung nicht zu fassen. Dass über komplexe Themen gestritten wird, stellt kein Problem dar – im Gegenteil: Es ermöglicht, einen gemeinsamen dialektischen Schritt in eine erkenntnisreichere Zukunft zu vollziehen. Dieser kritische Ansatz wurde jedoch von allzu vielen außer Acht gelassen: sei es – um sich erneut von der permanenten und erfolglosen Suche nach dem revolutionären Subjekt bestimmen zu lassen, sei es – um das populistische Moment im Denken an eine vermeintlich zu erreichende Masse auszunutzen, sei es – weil die ausgearbeitete manichäische „antiimperialistische“ Idee einfach als gegeben hingenommen wurde bzw. wird.

Meine Hoffnung ist, dass diese Arbeit dazu beiträgt, dass sich Genoss:innen (wieder) der Notwendigkeit einer kritischen Analyse bewusst werden, in dem Sinne, dass der Anarchismus eine Idee bleibt, die versucht, all das zu überwinden, was jedem Menschen ein schönes Leben verweigert.


[1] Die Verwendung der genderneutralen Schreibweise „Arbeiter:innenklasse“ / „Klasse der Kapitalist:innen“ reflektiert den modernen Ansatz.

[2] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. 2. Auflage, Zweitausendeins Verlag, Leipzig 2020, S. 18, Band 1, Vorwort zur ersten Auflage, London, 25. Juli 1867.

„Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpft er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ [Hervorhebung im Original].

[3] W. I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. 6. Auflage, Manifest Verlag, Arnsburg 2022, Titel.

[4] Vgl. Lenin, Der Imperialismus, Ebd. S. 56-57:

„die Konzentration der Produktion, daraus erwachsende Monopole, Verschmelzung oder Verwachsen der Banken mit der Industrie“.

„das 20. Jahrhundert ist […] der Wendepunkt vom alten zum neuen Kapitalismus, von der Herrschaft des Kapitals schlechthin zu der Herrschaft des Finanzkapitals“.

[5] Vgl. Lenin, Der Imperialismus, Ebd. S. 21-37:

Monopolkapital bezeichnet jene Entwicklungsstufe des Kapitalismus, in der die Konzentration der Produktion und des Kapitals zur Herausbildung von Monopolen geführt hat, die eine dominierende wirtschaftliche Macht ausüben.

[6] Vgl. Lenin, Der Imperialismus Ebd. S. 71:

„Herrschaft des Finanzkapitals“ „ist jene höchste Stufe des Kapitalismus“.

[7] Lenin, Der Imperialismus, Ebd. S. 89:

„die Epoche des jüngsten Kapitalismus zeigt […], dass sich unter den Kapitalistenverbänden bestimmte Beziehungen herausbilden auf dem Boden der ökonomischen Aufteilung der Welt, […] der territorialen Aufteilung der Welt, des Kampfes um die Kolonien, „des Kampfes um das Wirtschaftsgebiet.““. [Kursiv im Original].

[8] Nach eigener Darstellung wird der Imperialismus heute als Instrument des Kapitalismus, als ökonomisches Moment, wirksam. Er ist nicht die „Endphase“ des Kapitalismus, sondern ihm inhärent. Die herrschende politische Klasse im Staat eines nationalen Standorts „expandiert“ aus ökonomischen Gründen (notfalls mit dem Mittel des Krieges) im Interesse des nationalen Kapitals in andere nationale Standorte. Ziel ist es, die „eigene“ Position in der Weltmarktkonkurrenz auszubauen oder zu stärken. Dabei geht es nicht um einen Kampf der „Nationen“ oder „Völker“ gegeneinander, auch nicht um einen Kampf der „Guten“ gegen die „Bösen“, sondern schlicht um die Expansion der nationalen Kapitale über die wachstumshemmenden nationalen „Grenzen“ hinweg. Ziel ist immer die dem kapitalistischen Wachstumszwang unterworfene Ausweitung der Produktion, der Mehrwertproduktion, der Akkumulation, also schlicht: die Profitmaximierung.

[9] Kommunistische Internationale oder Dritte Internationale, auf Initiative Lenins 1919 in Moskau gegründet.

[10]  Olaf Kistenmacher: Gegen den Geist des Sozialismus. Auflage 1, ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2023, S. 89.

„den berühmten Aufruf aus dem Manifest der Kommunistischen Partei folgendermaßen [umformulierte]: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“ [Hervorhebung im Original].

[11] W.I. Lenin: Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage – Für den Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale (1920). Online verfügbar unter https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/06/natfrag.htm [Zugriff am: 07.03.2026]

„Die weltpolitische Lage hat jetzt die Diktatur des Proletariats auf die Tagesordnung gesetzt, und alle Ereignisse der Weltpolitik ballen sich notwendigerweise um einen Mittelpunkt zusammen, nämlich um den Kampf der Weltbourgeoisie gegen die Russische Sowjetrepublik. Diese gruppiert um sich unvermeidlich einerseits die Rätebewegungen der fortgeschrittenen Arbeiter aller Länder, anderseits alle nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonien und der unterdrückten Völker, die sich durch bittere Erfahrung davon überzeugen, daß es für sie keine andere Rettung gibt als den Sieg der Sowjetmacht über den Weltimperialismus.“

[12] Lenin, Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen Frage, Ebd.

„Folglich darf man sich jetzt nicht darauf beschränken, die gegenseitige Annäherung der Werktätigen verschiedener Nationen in bloßen Worten anzuerkennen oder zu proklamieren, sondern muß eine Politik treiben, durch die das engste Bündnis aller nationalen und kolonialen Befreiungsbewegungen mit Sowjetrußland verwirklicht wird, und muß die Formen dieses Bündnisses entsprechend der jeweiligen Entwicklungsstufe der kommunistischen Bewegung unter dem Proletariat eines jeden Landes oder der bürgerlich-demokratischen Befreiungsbewegung der Arbeiter und Bauern in den zurückgebliebenen Ländern oder unter den zurückgebliebenen Nationalitäten bestimmen.“

[13] Lenin differenziert innerhalb der „unterdrückten Völker“ und schließt nicht alle Bewegungen in sein Bündniskonzept ein. Zwar fordert er ein Bündnis mit der „bürgerlich-demokratischen Bewegung“, warnt jedoch ausdrücklich vor „reaktionären und mittelalterlichen Elementen“ wie dem „Panislamismus“, deren Einfluss – etwa durch das Erstarken religiöser Führer wie der „Mullahs“ – bekämpft werden müsse. Vgl. W. I. Lenin: Thesen zur nationalen und kolonialen Frage (1920), online unter:

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1920/06/natfrag.htm [Zugriff am: 07.03.2026].

[14] Peter Bierl: Die Revolution ist grossartig. Auflage 1, Unrast Verlag, Münster 2020, S. 174.

[15] Vgl. Josef Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus, 1924. Online verfügbar unter:

https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1924/grundlagen/index.htm [Zugriff am: 07.03.2026].

[16] Unter Redaktion einer Kommission des Zentralkomitees der KPdSU (B): Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Auflage der deutschen Übersetzung, Verlag der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland, Berlin 1946, S. 429.

[17] KPdSU (B), Ebd. S. 3.

[18] Josef Stalin bezeichnet die Zeit, in der Marx und Engels wirkten, als „vorrevolutionäre Periode“, in der „die proletarische Revolution praktisch noch keine unmittelbare Notwendigkeit war“, da „es noch keinen entwickelten Imperialismus gab“. Lenin hingegen habe in der „Periode des entwickelten Imperialismus“ gewirkt, in der „die proletarische Revolution bereits in einem Lande gesiegt“ habe. Vgl. Josef Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus, 1924, Einleitung. Online verfügbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1924/grundlagen/einleit.htm [Zugriff am: 07.03.2026].

[19] Stalin beschreibt in seinen Leitsätzen zur Theorie des Leninismus den Imperialismus als „Herrschaft des Finanzkapitals“ mit „brutal-parasitärem Charakter des Monopolkapitalismus“. Er sieht darin die Ausbreitung von „Einflusssphären“ und Kolonialbesitz bis zur „Erfassung des ganzen Erdballs“ sowie die „Umwandlung des Kapitalismus in ein Weltsystem der finanziellen Versklavung und kolonialen Unterdrückung“ durch wenige „fortgeschrittene“ Länder. Als Gegenstrategie fordert er die „Vereinigung der revolutionär-proletarischen Front und der Front der kolonialen Befreiungsbewegung gegen den Imperialismus“. Vgl. Josef Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus, 1924, Kapitel III – Die Theorie. Online verfügbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1924/grundlagen/kap3.htm [Zugriff am: 07.03.2026].

[20] Ideologie ist hier im Sinne von Marx als Ausdruck der Interessen der Herrschenden – in diesem Fall Stalin – zu verstehen. In ihrer Tradierung ist sie als „falsches Bewusstsein“ zu bezeichnen, dem mit den Mitteln der Kritik zu begegnen ist.

[21] Helmut Altrichter bietet hierzu einführend eine übersichtliche Chronik zur Historie der stalinistischen Ära an. Vgl. Helmut Altrichter: Kleine Geschichte der Sowjetunion. Auflage 5, C.H.Beck, München 2022.

[22] Vgl. Paul Pop: Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21. Jahrhundert. Auflage 1, Syndikat-A Verlag, Münster 2005, S. 10–11. Pop interpretiert Marx’ Analyse der Pariser Kommune als Forderung nach Zerschlagung des modernen Staates zugunsten der „Selbstverwaltung der ProduzentInnen“. Er zeigt zudem, wie Stalin den Staat nicht nur als Hebel zum Aufbau des Sozialismus, sondern auch als dauerhaftes Machtinstrument für den Übergang zum Kommunismus verstand. Das stalinistische Wachstumsdogma wird dabei als arbeitsfetischistische Ideologie beschrieben, die mit repressiven Mitteln durchgesetzt wurde.

Vgl. Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. Auflage 4, Holzinger Verlag, Berlin 2017, S. 50–52.

[23] Vgl. W.I. Lenin: Staat und Revolution. Auflage 3, manifest. Verlag, Berlin 2019, S. 200 – 214.

[24] Lenin, Staat und Revolution, Ebd. S. 201.

[25] Paul Pop: Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21. Jahrhundert. Auflage 1, Syndikat-A Verlag, Münster 2005, S. 11:

„für Stalin [war der Staat] nicht nur Haupthebel zum Aufbau des Sozialismus, sondern auch für den Übergang zum Kommunismus.“

[26] Vgl. Josef Stalin: Über die Grundlagen des Leninismus, 1924, Kapitel IV – Die Diktatur des Proletariats. Online verfügbar unter:

https://www.marxists.org/deutsch/referenz/stalin/1924/grundlagen/kap4.htm [Zugriff am: 07.03.2026]. Stalin definiert die Diktatur des Proletariats als „durch kein Gesetz beschränkte und sich auf Gewalt stützende Herrschaft des Proletariats über die Bourgeoisie“.

[27] Altrichter, Kleine Geschichte der Sowjetunion, S. 64.

[28] Altrichter, Kleine Geschichte der Sowjetunion, S. 70.

[29] Vgl. Altrichter: Kleine Geschichte der Sowjetunion, S. 64, 70, 76, 80, 90 f. Altrichter beschreibt die innerparteilichen Machtkämpfe nach Lenins Tod, die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Hungersnot von 1932 mit Millionen Toten sowie die Parteisäuberungen, die zur Halbierung der Mitgliederzahl führten.

[30] Zum stalinistischen Wachstumsdogma vgl. Paul Pop: Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21. Jahrhundert. Auflage 1, Syndikat-A Verlag, Münster 2005, S. 11.

[31] Vgl. Altrichter: Kleine Geschichte der Sowjetunion, S. 83. Altrichter beschreibt die Einführung verschärfter Disziplinarverordnungen und die propagandistische Mobilisierung der Arbeiter:innen. Wer gegen diese Maßnahmen verstieß, musste mit drakonischen Strafen rechnen; selbst geringfügige Verstöße konnten als „Sabotage“ gewertet und mit Zwangsarbeitslager (Gulag) geahndet werden.

[32] Altrichter, Kleine Geschichte der Sowjetunion, Ebd. S. 83.

[33] KPdSU (B), S. 399. Die KPdSU(B) beschreibt die Jahre 1930–1934 als Phase der „Liquidierung des Kulakentums“ und der Bekämpfung von „Feinden des Volkes“, wobei eine entmenschlichende Rhetorik zur ideologischen Legitimation systematischer Gewalt diente.

[34] Vgl. Helmut Altrichter: Kleine Geschichte der Sowjetunion, S. 93 – 100. Altrichter analysiert die ideologische Verschiebung vom Übergangskommunismus zur repressiven Machtsicherung, die sich unter Stalin nicht mehr gegen eine klar definierte Bourgeoisie, sondern gegen die gesamte Gesellschaft richtete. Besonders auf S. 98 betont er, dass die Motive für den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 in der Forschung nicht eindeutig kanonisiert sind.

[35] Vgl. Naturfreundejugend Berlin: Stalin hat uns das Herz gebrochen. Auflage 1, edition assemblage, Münster 2017, S. 146–148. Die Autor:innen beschreiben, wie Stalin durch die Konstruktion eines „führenden Volkes“ und die Verschmelzung von Klasse, Volk und Staat ein völkisch aufgeladenes Herrschaftskonzept etablierte. Die Abgrenzung gegenüber einem „inneren“ und „äußeren“ Feind diente der ideologischen Mobilisierung und Repression. Auf S. 148 heißt es: „An der Abwehr des inneren und zugleich weltweiten Feindes profilierte sich das sozialistische werdende Vaterland, in der Klasse, Volk und Staat verschmelzen sollen.“

[36] Vgl. Léon Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus. Auflage 2, ça ira-Verlag, Freiburg 2018, S. 53. Poliakov analysiert die ideologische Verbindung zwischen sowjetischem Nationalismus und antisemitischen Feindbildern, insbesondere im Kontext stalinistischer Propaganda.

[37] Vgl. Naturfreundejugend Berlin: Stalin hat uns das Herz gebrochen. Auflage 1, edition assemblage, Münster 2017, S 154.

[38] Theodor W. Adorno: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. Auflage 1, Suhrkamp, Berlin 2024, S. 12.

[39] Vgl. J. W. Stalin: Werke Band 6, Seite 147. Online verfügbar unter: https://archive.org/details/stalin-werke-band06 [Zugriff am: 07.03.2026].

[40] Vgl. Olaf Kistenmacher: Gegen den Geist des Sozialismus. Auflage 1, ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2023, S. 122 – 124.

[41] Vgl. Georgi Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale, Rede auf dem VII. Weltkongress der Komintern, 1935. Online verfügbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/referenz/dimitroff/1935/bericht/ch1.htm#s4 [Zugriff am: 07.03.2026].

[42] Vgl. Umberto Eco: Der ewige Faschismus. Auflage 4,Carl Hanser Verlag, München 2020, S. 30–39.

[43] Vgl. Thomas Haury: Antisemitismus von Links, Facetten der Judenfeindschaft. Auflage 2, Aktion Courage e.V., Berlin 2020, S. 33.

[44] Haury, Antisemitismus von Links, Ebd. S. 33.

[45] Vgl. Haury, Antisemitismus von Links, Ebd. S. 21 – 25, zum Begriff des „Modernen Antisemitismus“.

[46] Vgl. Prof. Dr. Stephan Grigat: Vortrag: Kritik des Antisemitismus, Theorie des Zionismus – krIPU | Kritik & Psychoanalyse, Vortrag im Rahmen der krIPU-Vortragsreihe „Gegen den Wahn“ im Wintersemester 2023/2024 an der IPU Berlin (ab Min. 19:45). Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=ncm2sG0igIs [Zugriff am: 07.03.2026].

[47] Samuel Salzborn: Antisemitismustheorien. Auflage 1, Springer VS, Wiesbaden 2022, S. 30.

[48] Vgl. Thomas Haury: Antisemitismus von Links, Facetten der Judenfeindschaft. Auflage 2, Aktion Courage e.V., Berlin 2020, S.9. Haury zeichnet die Kontinuitätslinie antisemitischer Tendenzen innerhalb der Linken von Pierre-Joseph Proudhon über die KPD der Weimarer Republik, den stalinistisch geprägten Antisemitismus in der DDR bis zur Neuen Linken der Gegenwart nach.

[49] Haury, Antisemitismus von Links, Ebd. S. 37.

[50] Vgl. Haury, Antisemitismus von Links, S. 35 – 38.

[51] Haury, Antisemitismus von Links, Ebd. S. 37.

[52] Vg. Haury, Antisemitismus von Links, Ebd. S. 36, außerdem Ebd. S. 35f.

[53] Zur genaueren Funktion der kollektiven nationalen Sinnstiftung im Spannungsfeld des Marxismus-Leninismus/DDR wird ein weiterer Text von uns demnächst veröffentlicht. Die im Fließtext angegebene Passage wurde diesem entnommen.

[54] Vgl. Thomas Haury: Antisemitismus von Links, Facetten der Judenfeindschaft. Auflage 2, Aktion Courage e.V., Berlin 2020, S. 63: „Karl Marx (vor allem in seiner Frühschrift Zur Judenfrage) Antisemitismus attestiert […]. Analysiert man jedoch die Marxsche Schrift mittels des im folgenden vorgestellten Antisemitismusbegriffs, so wird deutlich, dass Marx zwar ein antijüdisches Bild (Juden seien vorrangig in der Zirkulationssphäre tätig) benutzt, allerdings nicht, um die Juden anzugreifen (Marx sprach sich dezidiert für ihre Emanzipation aus), sondern um die bürgerliche Gesellschaft insgesamt zu kritisieren. Er beschuldigt die Juden weder, „das Volk“ auszubeuten, noch die geheimen Herrscher in Politik und Ökonomie oder gar „die Feinde der Menschheit“ zu sein.“ [Hervorhebung im Original].

[55] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie. Auflage 29, Dietz Verlag, Berlin 1976, S. 385.

[56] Olaf Kistenmacher: Gegen den Geist des Sozialismus. Auflage 1, ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2023, S. 81 – 82.

[57] W. I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. 6. Auflage, Manifest Verlag, Arnsburg 2022, S. 60.

[58] Lenin, Der Imperialismus, Ebd. S. 118.

[59] W. I. Lenin: Über die Pogromhetze gegen die Juden. Auf Schallplatten aufgenommene Reden, 1919:

„Nicht die Juden sind die Feinde der Werktätigen. Die Feinde der Arbeiter sind die Kapitalisten aller Länder. Unter den Juden gibt es Arbeiter, Werktätige: sie bilden die Mehrheit. Was die Unterdrückung durch das Kapital anbelangt, sind sie unsere Brüder, im Kampf für den Sozialismus sind sie unsere Genossen. Unter den Juden gibt es Kulaken, Ausbeuter, Kapitalisten; wie es sie unter den Russen, wie es sie unter allen Nationen gibt. Die Kapitalisten sind bemüht, zwischen den Arbeitern verschiedenen Glaubens, verschiedener Nation, verschiedener Rasse Feindschaft zu säen und zu schüren. Die Nichtarbeitenden halten sich durch die Stärke und die Macht des Kapitals. Die reichen Juden, die reichen Russen, die Reichen aller Länder unterdrücken und unterjochen im Bunde miteinander die Arbeiter, plündern sie aus und entzweien sie.

Schande über den verfluchten Zarismus, der die Juden gequält und verfolgt hat. Schmach und Schande über den, der Feindschaft gegen die Juden, Hass gegen andere Nationen sät.

Es lebe das brüderliche Vertrauen und das Kampfbündnis der Arbeiter aller Nationen im Kampf für den Sturz des Kapitals.“

[60] Thomas Haury: Antisemitismus von Links, Facetten der Judenfeindschaft. Auflage 2, Aktion Courage e.V., Berlin 2020, S. 13-14.

Vgl. Léon Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus. Auflage 2, ça ira-Verlag, Freiburg 2018, S. 61.

[61] Michael Brenner: Was ist Zionismus? Online verfügbar unter https://www.bpb.de/themen/naher-mittlerer-osten/israel/44941/was-ist-zionismus/ [Zugriff am 07.03.2026].

[62] Bundeszentrale für politische Bildung: Das Politlexikon, Zionismus. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/18503/zionismus/ [Zugriff am 07.03.2026].

[63] Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung: Zionismus. Online verfügbar unter https://www.politische-bildung-brandenburg.de/lexikon/zionismus [Zugriff am: 07.03.2026].

[64] United States Holocaust Memorial Museum: The Evian Conference. Online verfügbar unter https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/the-evian-conference?utm_source=copilot.com [Zugriff am 07.03.2026].

[65] Vgl. GRA – Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus: Antizionismus. Online verfügbar unter https://www.gra.ch/bildung/glossar/antizionismus/ [Zugriff am: 07.03.2026].

[66] Nichts-gegen-Juden.de: Die wahren Juden sind gegen Zionismus. „Laut dem Pew Research Center sehen 80 Prozent aller Jüdinnen*Juden in den USA Israel als wesentlicher oder wichtiger Teil ihrer Identität. Einem Beitrag des Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge haben 95 Prozent der Jüdinnen*Juden in den USA einen positiven Blick auf Israel. Und eine Umfrage der britischen Campaign Against Antisemitism identifizieren im Vereinigten Königreich 80 Prozent der Jüdinnen*Juden als zionistisch. Ganz zu schweigen von den sieben Millionen Jüdinnen*Juden – rund die Hälfte aller Jüdinnen*Juden –, die selbst in Israel leben.“

Online verfügbar unter https://nichts-gegen-juden.de/die-wahren-juden-sind-gegen-zionismus/ [Zugriff am: 07.03.2026].

[67] Rosa Luxemburg Stiftung: Moses Hess zwischen Sozialismus und Zionismus. Online verfügbar unter

https://www.rosalux.de/news/id/5498/moses-hess-zwischen-sozialismus-und-zionismus/ [Zugriff am: 07.03.2026].

[68] Jutta Ditfurth: Haltung und Widerstand. Auflage 1, Osburg Verlag, Hamburg 2019, S. 104.

„Am Zionismus kritisierte Lenin lediglich, dass der noch „einen neuen Staat und noch eine Armee in eine Welt setzen wollte, in der es schon viel zu viele Staaten und Armeen gab.“

[69] Ditfurth, Haltung und Widerstand, Ebd. S. 119.

[70] Thomas Haury: Antisemitismus von Links, Facetten der Judenfeindschaft. Auflage 2, Aktion Courage e.V., Berlin 2020, S. 31.

[71] translib: Antizionistische Schmierereien und Drohungen an der translib – Statement des Plenums. 2025: Online verfügbar unter https://www.translib.de/material/antizionistische-schmierereien-und-drohungen-an-der-translib-statement-des-plenums

[Zugriff am: 29.09.2025].

[72] Léon Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus. Auflage 2, ça ira-Verlag, Freiburg 2018, S. 12.

„… ein Bedürfnis nach Weltanschauung, die von der Wirklichkeit in Geschichte und Gegenwart unabhängig macht. Die Flucht in die Weltanschauung erspart die Auseinandersetzung mit einer widersprüchlichen Realität, die nicht in Dualismen wie Gut und Böse, Täter und Opfer und ähnlichen Schemata aufgeht.“

[73] Poliakov, Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Ebd. S. 70.

[74] In Anlehnung an die hier zitierte Definition des Marxismus-Leninismus und vor allem daraus abgeleitet ein unkritischer Blick auf nationale Befreiung sowie ein antiwestlich ausbuchstabierter Antiimperialismus und ein als Antizionismus camouflierter Antisemitismus sind hier verbindende Elemente.

[75] Klaus Grimm: Theorien der Unterentwicklung und Entwicklungsstrategien, eine Einführung. Ausgabe 1, Westdeutscher Verlag, Opladen 1979, S. 121.


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